Niedersächsischer
Schachverband
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NSV Frauenkader trainiert mit Dr. Torben Schulze
Montag, 4. November 2024 von Benjamin Löhnhardt

Am Samstag fand ein weiteres Frauenkadertraining im LSB in Hannover statt. NSV Kaderspieler Dr. Torben Schulze gab das Training für die niedersächsischen Kaderspielerinnen.

Training des Frauenkaders am 02.11., v.l.n.r.: Marine Zschischang, Ritta Yaghi, Trainer Torben Schulze, Madita Mönster, Jovana Miljkovic (Quelle: NSV)

 

Ausführlicher Bericht von Dr. Torben Schulze:

Für den Damenkader hatte ich das Thema „Verteidigung“ vorbereitet. Dieses ist meiner Ansicht nach einer großer Garant für eine deutliche Spielstärkesteigerung von Spielern im Bereich 2000.

—–

Als Verteidiger stehen wir unter Druck. Selbst dann, wenn wir auf Gewinn stehen, z.B. weil wir eine oder mehrere Figuren mehr haben. Das Wissen, dass wir objektiv auf Gewinn stehen, macht unsere Aufgabe nicht gerade leichter, denn im Gegensatz zu unserem Gegner haben wir alles zu verlieren. Am liebsten würden wir die Partie direkt anhalten und unseren ‚verdienten‘ Punkt einsammeln.

Im Schach hat es der Angreifer oft einfach. Züge für die Initiative und den Angriff sind deutlich leichter zu finden. Man wirft Figuren nach vorne, z.B. in Richtung des gegnerischen Königs, und akkumuliert dort Aktivität. An vielen Stellen reicht das, und der Angreifer muss auch perfide wenig rechnen. Wenn man bereits alle Brücken hinter sich abgebaut hat, und „normale“ Züge verlieren, ist es besonders leicht, denn es müssen nur noch die Züge betrachtet werden, die die Stellung komplex oder die Initiative aufrecht erhalten.

Auch gefühlstechnisch hat es der Angreifer einfacher. Angreifen macht Spaß, Initiative am Brett bringt uns Adrenalin und sorgt dafür, dass unser Kopf sehr gerne auf Höchstleistung unterwegs ist. Auch diktieren Angriffszüge oft die Reaktion des Gegners, der uns damit nicht unter Druck setzen kann. Zu guter letzt ist auch das psychologische Moment gut für den Angreifenden, denn in der Regel entscheiden wir uns selbst dafür, dass wir jetzt einen Angriff starten – so sind unsere Züge und unsere Stimmung gut aufeinander ausgerichtet.

Die Rolle des Verteidigers ist hingegen deutlich ungemütlicher. Während Angriffszüge oft munter nach vorn gehen und klaren Motiven folgen, sind Verteidigungszüge sehr oft konkret und folgen weniger klaren Regeln. Korrekte Verteidigung ist auch undankbar und ungewiss, denn wir wissen oft nicht einmal, auf welches Ergebnis wir gerade rechnen. Wir müssen des weiteren akkurat abschätzen können, ob wir sofort konkrete Handlungen unternehmen müssen oder auch noch 1-2 Züge Zeit haben, um zum Beispiel weitere Verteidiger hinzu zu ziehen oder einen Gegenangriff zu starten. Kleine Details können von großer Wichtigkeit sein.

Und zu guter Letzt kann ein Angriff immer aus dem Nichts kommen. Das kann uns auf dem falschen Fuß erwischen, und direkt zu übereiligen oder ungünstig berechneten Reaktionen fühlen, da unsere Züge und unser Geist nicht miteinander abgestimmt sind.

Ein kleines Beispiel:

In dieser Stellung ist nicht viel los – könnte man denken. Doch Weiß entkorkte 1.De5!? (neben der direkten Mattdrohung droht Weiß auch z:B. Dxc7 nebst Td6 oder Td8+ nebst Tb8 mit Einsammlung des b6), was Schwarz völlig unvorbereitet traf. Es folgte das natürliche und doch fehlerhafte 1…Ld5?? 2.Tc2!+- Dd7. Ritta sah schnell das ebenso gewinnende 3.Db8+, doch kurze Zeit später erspähte Jovana die Partiefortsetzung 3.Tc8+ Te8 4.Dc7! mit direkter Aufgabe. Die Angriffsfortsetzung war schnell gefunden. Doch was ist die richtige Verteidigung?

Das Training der konkreten Verteidigung hat v.a. deswegen einen großen Nutzen, weil wir hier den Part üben, an dem wir psychologisch am stärksten unter Druck stehen und deswegen auch am anfälligsten für Fehler sind. Außerdem lernt man ein ganzes Arsenal an Verteidigungsideen, indem man nicht aufhört, neue Kandidatenzüge zu beleuchten, und sich dazu zwingt, diese akkurat zu rechnen.

Im Training haben wir diesen Aspekt zusammen mit dem Konzept des Prophylaktischen Denkens (verwandt, aber nicht begriffsgleich mit Prophylaxe) verknüpft. Während Verteidigung sich auf konkrete Aspekte bezieht, versucht das prophylaktische Denken oft, diese konkret gefährlichen Versuche bereits vorher aus der Stellung zu nehmen. In vielen Stellungen geht beides, aber man muss oft abwägen, an welchen Stellen man noch einen ruhigen Zug einstreuen kann (um konkrete Verwicklungen zu vermeiden), und an welchen ein ruhiges Vorgehen den Vorteil verspielt. In einer Stellung gibt es oft mehrere Lösungen, doch manche sind mit teils großen Abenteuerlichkeiten verknüpft.

Ein letztes Beispiel:

Es ist interessant, zu welchem Zug man sich als allererstes hingezogen fühlt. In diesem Fall hatten alle der Teilnehmerinnen recht, doch kam es auf unterschiedliche Art und Weise zu Stande.

Ritta schlug das lebenslustige 1.Te5+!? vor, um nach Kxe5 mit Schach auf b8 einziehen zu können, und damit f2-fxe1=D aus der Stellung genommen ist.

Marine vertrat konsequent die Meinung, 1.b8=D müsse man spielen, und vertraute auf ihre taktischen Fähigkeiten, den Verwicklungen nach f2+ Herr werden zu können. Und nach 1.b8=D f2+ 2.Kf1 Lg2+! 3.Txg2 fxe1+ 4.Kxe1 Txb7 mündet es in der Tat in einem gewonnenen Turmendspiel.

Nun ist die Versuchung groß, dass maximierende 1.b8=D f2+ 2.Kf1 Lg2+ 3.Kxg2 zu spielen, da Schwarz nach 3…fxe1=D+ 4.Dxb2 aufgeben wird. Doch Madita erspähte die geniale Ressource 1.b8=D f2+ 2.Kf1 Lg2+ 3.Kxg2

3…f1=D !!, die auch in der Partie folgte, und nach 4.Kxf1 Tf2+ 5.Kg1 Tg2+ 6.Kh1 Txh2+ zum Patt führt.

Jovana und Madita zeigten sich bereits in der Ausgangsstellung früh prophylaktisch denkend, denn 1.Tf1 (!) nimmt man sämtliche taktischen Motive aus der Stellung, und im nächsten Zug gewinnt der Einzug des Bauern.

Alle Teilnehmerinnen beteiligten sich rege an den Diskussionen, und mir persönlich hat es viel Spaß gemacht.

Spannend war auch zu sehen, wie die Teilnehmerinnen sehr schnell die Angriffsideen des Gegners spotteten. Einen Verteidigungsplan aufzustellen und diesen dann in die konkret richtige Reihenfolge zu bringen gestaltete sich dann aber sehr nachvollziehbar als schwierig. All dies bestärkt mich darin, dass das Trainingsthema gut gewählt war.

Dr. Torben Alexander Schulze

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