Niedersächsischer
Schachverband
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Interview mit Michael S. Langer zum NSV-Jubiläum
Samstag, 9. November 2024 von Benjamin Löhnhardt

Offiziell wird der Niedersächsische Schachverband am 8. November 100 Jahre alt. Tags darauf, am 9. November, steigt im Pentahotel in Braunschweig die Jubiläumsfeier. Hinter den Kulissen laufen derweil die letzten Vorbereitungen für den sportlichen Höhepunkt des Jubiläumsjahres, das „Niedersachsen Masters 2024“ vom 15. bis 21. November in Wolfsburg.

NSV-Präsident Michael S. Langer wird der Jubiläumsfeier wegen zum ersten Mal in mehr als 20 Jahren einen Mannschaftskampf verpassen. In seiner Ansprache zum Jubiläum wird Langer Geschichte und Perspektive des Verbands skizzieren, Erfolge herausarbeiten und Herausforderungen benennen. Vorher hat er sich die Zeit für ein Interview über 100 Jahre Niedersächsischer Schachverband genommen.

Niedersachsen ist keine 80 Jahre alt, aber der Niedersächsische Schachverband feiert sein 100-jähriges Bestehen. Wie passt das zusammen?

Wir sehen den 8. November 1924 als unser Gründungsdatum. Damals haben sich die Regionen Braunschweig und Hannover zusammengeschlossen. Auf dieser Basis haben wir 1999 unser 75-jähriges Jubiläum gefeiert. Nun sind es 100.

Lässt sich heute nachvollziehen, wie es damals zum Zusammenschluss kam?

Aus alten Protokollen wissen wir, dass unsere Vorgänger die Notwendigkeit von Zusammenarbeit in diesem großen, heute zentralen niedersächsischen Raum gesehen haben. Aus diesem Kern ist dann in den späten 40er- und 50er-Jahren das Gebiet unseres Verbands entstanden, wie wir es heute kennen…

…ein Gebiet, das nicht deckungsgleich mit dem Bundesland Niedersachsen ist.

Weitestgehend schon. Aber es gibt wenige Ausnahmen: Vereine, die eigentlich in Niedersachsen angesiedelt sind, aber eher in der niedersächsischen Peripherie mit Nähe zu anderen Ballungsräumen. Deswegen sind sie anderen Landesverbänden zugeordnet, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen oder Hessen

Wie hat sich der NSV seit 1999 entwickelt? Wo steht er im Vergleich mit anderen Landesverbänden, auch mit anderen Sportarten?

An meiner Person ließe sich Stabilität und Kontinuität aufzeigen. 1998 habe ich als Vorsitzender der Landesschachjugend erstmals an Sitzungen des Vorstands teilgenommen und 1999 als Neuling das 75-jährige Jubiläum erlebt. Heute darf ich das 100-Jährige gestalten – und auf 25 Jahre zurückblicken, in denen wir unseren Sport aktiv gestaltet und gesteuert haben. Wir haben zum Beispiel als Ausrichter den NSV-Grand-Prix geschaffen, um Spielerinnen und Spielern Angebote zu machen. Dazu Schnellschachveranstaltungen wie den Rapid Rumble. Die Landeseinzelmeisterschaft haben wir neu modelliert. 2003 mit 43 Teilnehmern hatte sie einen Tiefpunkt erreicht. Heute haben wir 250 bis 300. Unsere Vorstandsämter sind durchgängig besetzt mit vielen jungen Menschen und vergleichsweise vielen Frauen. Dank der wertvollen, engagierten Arbeit, die unser Vorstand und alle anderen Helfer leisten, sehe ich uns als modernen, transparenten Verband, der viel auf die Beine stellt und wenig Fehler macht.

Auch finanziell geht es Euch besser als anderen. Unter anderem hat der NSV geerbt.

Clemens Sander hat uns sein gesamtes Vermögen vermacht. Das ist ein Faktor. Darüber hinaus bemühen wir uns fortwährend erfolgreich um externe Mittel und Partnerschaften. Mit der niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung pflegen wir seit langem eine konstruktive Zusammenarbeit. Unlängst haben wir als erster Schachverband mit macron einen Ausrüster gefunden. Volkswagen unterstützt unser Jubiläumsturnier. Ich könnte noch einiges mehr aufzählen. Auch in dieser Hinsicht bin ich mit unserem Verband sehr zufrieden.

Das Erbe, ein mittlerer sechsstelliger Betrag, war nicht an Projekte gebunden. Es steht Euch frei, darüber zu verfügen. Was macht Ihr damit?

Einen Teil haben wir mit der Einstellung unseres Geschäftsführers Bernd Laubsch in Professionalität investiert. Rund 40.000 Euro verwenden wir, um unsere Jubiläumsfeier und das Einladungsturnier zum Jubiläum zu finanzieren. Unsere Arbeit darüber hinaus, Spielbetrieb und Leistungssport, finanzieren wir weiterhin aus unserem ordentlichen Haushalt, aber wir sind bereit, unser Sondervermögen einzusetzen, sobald wir glauben, dass wir eine richtig gute Idee haben.

Habt Ihr eine?

Die Förderung von Schach für ältere Menschen in Zusammenarbeit mit Altenheimen und anderen Einrichtungen. Schach in diese Strukturen zu bringen, wo unser Sport auf vielfältige Weise einen Mehrwert entfalten kann, steht für das nächste Jahr auf unserer Agenda. Ich bekomme immer häufiger Anrufe von älteren Menschen, die für sich oder für jemanden aus ihrem Umfeld einen Spielpartner suchen. Bei diesem Bedarf möchten wir ansetzen, um Schach in der Breite zu platzieren. Natürlich würden wir im Zuge dessen gerne beweisen, dass Schach Menschen guttut, dass es helfen kann, Erkrankungen zu lindern oder ihnen vorzubeugen, Stichwort Demenz. Forschung dazu gibt es ja längst.

Vor dem Hintergrund des allgemeinen Fokus auf die Jugend ist das ein ganz anderer Schwerpunkt.

Jugendförderung spielt auch und gerade bei uns eine wichtige Rolle. Die Niedersächsische Schachjugend agiert eigenständig, entwickelt und organisiert zahlreiche Angebote für Kinder und Jugendliche und führt junge Menschen an ehrenamtliche Verbandsarbeit heran, wovon Vereine und nicht zuletzt wir profitieren. Unser Projekt für ältere Menschen wäre aus meiner Sicht einfach ein nächster Schritt im Rahmen der inklusiven Arbeit, die wir schon leisten. Mit den Schachzwergen Magdeburg zum Beispiel fördern wir Schach in Werkstätten für behinderte Menschen, ein Projekt, das wir auch in Niedersachsen etablieren wollen. An Material für Schachunterricht mangelt es nicht, wir müssten es nur an eine andere, ältere Zielgruppe anpassen. Ich denke ganz konkret an Frauen jenseits der 60, die als Mitglieder unseren Clubs guttun würden. Vielleicht schaffen wir es mit gezielter Förderung, dass sich einige unserer Vereinsstruktur zuwenden.

Wenn Du den NSV anschaust und Verbände in anderen Sportarten dagegenhältst: Wo steht Schach? Was sind die Unterschiede, was zeichnet uns aus, wo können wir lernen, wo können andere von uns lernen?

Leute, die sich am Formalfokus beim Schach reiben, wird überraschen, dass viele Sportfachverbände gerne die Professionalität unserer Versammlungen hätten. Sie beneiden uns um das beim Schach besonders ausgeprägte Wissen um Abläufe und Regeln. Ein Vorteil gegenüber Verbänden in anderen Sportarten ist der Umstand, dass bei uns Sportlerinnen und Sportler bis ins hohe Alter aktiv bleiben. Vielleicht unterscheidet uns auch die Selbstwahrnehmung als exklusiver Nischensport, obwohl wir ein gar nicht mal so kleiner Sport mit einem ganz normalen Verband sind. Wir könnten selbstbewusster auftreten. Ein anderer Unterschied ist, dass wir das Digitale mit dem Analogen verbinden konnten und es miteinander verbunden haben. Auf diese Weise haben wir die Corona-Delle erfolgreicher überwunden als andere.

Der Schachsport lässt sich online ausüben. Was bedeutet dieser Vorteil für den Verband?

Der hat sich gerade ganz unmittelbar auf die Zusammenarbeit mit unserem Ausstatter macron ausgewirkt. Es stand die Frage im Raum, wo wir im macron-Katalog mit allen geförderten Mannschaften und Verbänden stehen wollen, wie wir uns selbst einordnen. Wir werden jetzt in der Nähe zum eSport platziert.

Andreas Spengler (Geschäftsführer peak zone GmbH) und Michael S. Langer beim Handschlag zum Vertragsabschluss in der Akademie des Sports in Hannover im August 2024. Peak Zone rüstet den NSV mit Sportkleidung der italienischen Marke „macron“ aus. (Foto: Niklas Prahl)

Das wird Traditionalisten des organisierten Schachs nicht gefallen.

Das Nischendenken von Traditionalisten ändert ja nicht die Nähe. eSport, auch Poker übrigens, prägen das Schach und die Auftritte von Schachprofis. Umgekehrt orientiert sich eSport häufig am Schach. Im Landessportbund…

…dessen Präsidium Du angehörst…

…ist es unstrittig, dass ich als Schachspieler das Thema eSport bearbeite und mich für den LSB in die Debatten einschalte, in denen es zum Beispiel um Abgabenordnung oder Gemeinnützigkeit geht. Ich sehe ganz viele Schnittmengen und finde es wichtig, darüber nachzudenken, was Schach und eSport gemeinsam daraus machen können.

Am 9. November lädt der Verband zur Feier des 100-Jährigen. Ein historisch bedeutender Tag. Welche Rolle spielen die Jahre 1933 bis 45 in der Rückschau auf die NSV-Geschichte? Ist diese Zeit aufgearbeitet?

Gerade im Sport ist sie das vielfach nicht. Bei uns hat sich Jörg Tenninger darum verdient gemacht. Dank seiner Arbeit habe ich anhand von Dokumenten noch einmal nachvollziehen können, dass unser Vorgängerverband in dieser Zeit den gleichen vorauseilenden Gehorsam an den Tag gelegt hat wie fast der gesamte organisierte Sport, der in der Zeit des Nationalsozialismus keine rühmliche Rolle gespielt hat. Das sehe ich dank meiner Arbeit beim Landessportbund, der diese Ära mit Hilfe eines Historikers ebenfalls erforscht. Vielfach haben Verbände oder Vereine damals zum Beispiel jüdische Kinder ausgeschlossen, lange bevor es gesetzlich angeordnet war. Auch der Ausschluss der Arbeiterschachvereine war ein düsteres Kapitel.  

Und nach 1945?

Haben die meisten Verantwortlichen weitergemacht, als sei nichts gewesen. Ich werde in meiner Rede zum Festakt auf diese Zeit eingehen, unsere Erkenntnisse offenbaren – und zur Aktualität überleiten. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte sehe ich umso deutlicher unsere gesellschaftspolitische Verantwortung im Hier und Jetzt. Unsere Geschichte zeigt uns die Risiken, denen wir uns aussetzen, wenn die Institutionen braun bzw. blau werden.

Mit einem Seitenblick auf den Deutschen Schachbund und dessen 175-Jähriges fällt auf, dass dort zum Jubiläum Briefmarken und Bücher geplant werden, eine sportlich herausragende Veranstaltung nicht. Beim NSV spielt eine solche mit dem „Niedersachsen Masters“ eine zentrale Rolle.

Wir haben die Zeit vor dem Jubiläumsjahr auch genutzt, um zu reflektieren: Wo stehen wir, wohin wollen wir gehen, wo sind wir gut, wo können wir besser werden. Das Spitzenschach ist eine Schwäche, die ich uns attestieren muss. Über die Jahre hatten wir zum Beispiel ganz selten eine Nähe zur Bundesliga, uns fehlen spitzensportliche Leuchttürme wie der Hamburger SK oder Werder Bremen. Nicht zuletzt wegen des Engagements unseres Leistungssportreferenten Torben Knüdel war klar, dass wir zum Jubiläum unseren Leistungssport in den Fokus nehmen und unseren Kadern die Gelegenheit geben, sich sportlich zu entwickeln. Neben diversen regionalen Wettbewerben haben unsere Kader Ostern am Grenke-Open in Karlsruhe teilgenommen, jetzt am U25-Open in Berlin, und nun zum großen Finale bekommen sie beim Niedersachsen Masters noch einmal Wettbewerb auf höchstem Niveau bei einem Turnier, das es in dieser Klasse in Niedersachsen seit Jahrzehnten nicht gab.

Einen Sponsor wie VW, dessen Krise mal außen vor, gibt es beim Schach nicht allzu oft.

Unter anderem dank meiner Arbeit im Landessportbund und bei der ChessSports Association (CSA) kenne ich mich mit Sportförderung aus, auch mit der Ansprache, die nötig ist, um Mittel zu bekommen. Trotzdem, am Ende ist es Klinkenputzen, mit Menschen reden, sie überzeugen, dass es von beiderseitigem Nutzen ist, ein Schachturnier in Wolfsburg zu fördern. Anders als die Stadt Wolfsburg interessiert sich Volkswagen gar nicht so sehr dafür, welche internationalen Topleute am Start sind. Abseits der Logos, der Aufsteller und der Sponsorenwand geht es dem Konzern eher darum, dass die VW-Mitarbeiter Dennes Abel und Torben Schulze als Teilnehmer am Masters eine tolle Geschichte schreiben. So liefern wir VW einen Wert für die eigene Struktur – und bekommen dafür Geld. Keine Millionenbeträge allerdings. Wir mussten um jeden Euro kämpfen und für jeden Euro einen Gegenwert anbieten.

Du wirst in Wolfsburg ein von der CSA veranstaltetes Seminar über das Gewinnen von Sponsoren und Fundraising halten.

„Groß denken“ wird ein wichtiger Ratschlag sein. Und: „Mit Leuten reden.“ Klingt einfach, aber schon daran scheitern wir im Schach vielfach. Wer keine potenziellen Förderer anspricht, wird keine finden. Ansprechen allein reicht allerdings nicht. Du brauchst eine Idee, eine Vorstellung, was du vereinbaren willst, einen Mehrwert, den du abbilden kannst. Erst brauchst du ein Konzept, in dem all das steht, gegebenenfalls einen Antrag, schließlich musst du Verträge schließen. All das will ich bei meinem Seminar vertiefen.

Endet der Reigen der Jubiläumsveranstaltungen mit dem Niedersachsen Masters?

Nein! Wir holen danach kurz Luft, um am ersten Dezemberwochenende in Braunschweig das Jahr mit drei weiteren Turnieren ausklingen zu lassen: die Niedersächsische Blitzmeisterschaft, die Offene Niedersächsische Hochschulmeisterschaft, wieder in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung d-fine, und die Niedersächsische Blitzmannschaftsmeisterschaft. Die Anmeldung für alle drei Wettbewerbe ist übrigens noch offen.

Die Siegerehrung der Hochschulmeisterschaft 2022 mit (l.) Markus von Rothkirch (d-fine) und (M.) Daniel Kopylov, der auch am Niedersachsen Masters teilnehmen wird. (Quelle: Paul Meyer-Dunker)

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Die LEM 2026 wird vom 02.-05. Januar 2026 in Verden stattfinden.

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