Baklan führt, verfolgt von Prohaszka und Ris
Montag, 18. November 2024 von Conrad Schormann
Vladimir Baklan hat beim Niedersachsen Masters die Führung übernommen. Mit einem Schwarzsieg in der Spitzenpartie gegen Elshan Moradiabadi hat der Ukrainer mit 4 Punkten aus 5 Partien den alleinigen ersten Platz erobert. Dahinter lauern Peter Prohaszka und Robert Ris mit jeweils 3,5 Punkten.
Zusammenfassung der 5. Runde auf dem Twitch-Kanal von IM Lukas Winterberg
Was ist stärker, die Dame oder zwei Türme? Diese ewige Frage des Schachs stand zwischen Moradiabadi, mit einer Erkältung angetreten, und Baklan nach 23 Zügen zur Debatte. In einer eher geschlossenen Stellung, in der sich die schwarzen Kräfte noch entknoten mussten, schlug das Pendel anfangs für die Dame aus. Aber je aktiver die schwarzen Türme wurden, desto weiter wendete sich das Blatt. Als schließlich beide schwarzen Türme auf der weißen Grundreihe eingedrungen waren, ließ sich Moradiabadis Stellung nicht mehr halten.
Nur der ebenfalls bei 3 Punkten aus 4 Partien stehende Peter Prohaszka hätte mit Baklan gleichziehen können. Aber in seiner Partie gegen Yuryi Kuzubov sparte Prohaszka Energie für alles weitere. Die beiden Großmeister stellten acht Züge geschlossenes Katalanisch aufs Brett, dann reichten sie einander die Hand zur Punkteteilung.

Fünfeinhalb Stunden und mehr als 100 Züge gespielt, alle anderen Bretter verwaist, aber Georg Meier und Zahar Efimenko kämpfen noch. | Foto: Conrad Schormann
Die dritte GM-Partie des Tages am dritten Brett zwischen Georg Meier und Zahar Efimenko sollte die längste des Tages und des bisherigen Turniers werden. Meier spielte sich einen winzigen katalanischen Vorteil heraus, der zu einem auf dem GM-Level symbolischen Mehrbauern führte. Nach 45 Zügen stand das gute alte Turmendspiel 2 vs. 1 Bauer auf einem Flügel zur Debatte. Das ist theoretisch und auch praktisch gegen Großmeister nicht zu gewinnen, aber der Materialvorteil bringt für die meisten Spieler die gefühlte Verpflichtung mit, es zumindest zu versuchen. Meier versuchte es 128 Züge lang.

Auch Torben Knüdel und Jan Pubantz übten gut bis in die fünfte Stunden Turmendspiel. Mit unentschiedenem Ausgang.
Es geht in Wolfsburg ja nicht nur um Preisgeld und Elopunkte. Mehr als die Hälfte des Feldes beim Niedersachsen Masters spekuliert auf Normen für den Titel des Internationalen Meisters oder Großmeisters. Noch ist es zu früh, den Rechenschieber zu konsultieren, um die Chancen von Spielerinnen und Spielern zu ermitteln. Aber eine allgemeine Einschätzung der Norm-Lage lässt sich abgeben, nun, da fünf von neun Runden absolviert sind.
Die Einschätzung kommt von denjenigem, der sich als der wahre Lokalmatador des Feldes sieht. Rainer Polzin stammt aus Wolfsburg, der Hauptgrund, warum der seit langem in Berlin lebende Großmeister am Turnier in seiner alten Heimatstadt teilnimmt. Für eine IM-Norm sieht Polzin eine ganze Reihe von Anwärtern, stark aufspielende junge Leute, die schon etwas stärker sein dürften, als es ihre Elozahl aussagt.
Genau wegen dieser Leute hält Polzin eine GM-Norm in einem ambitionierten Feld wie diesem für enorm schwierig. Die im INNsIDE-Hotel versammelten 2200er und 2300er seien dafür zu gut und zu schwierig zu besiegen. Allenfalls dem stark aufspielenden Robert Ris traut Polzin eine Großmeisternorm zu.

Sehen so IM-Norm-Kandidaten aus? Giorgi Giorgadze (r.) und Torben Schulze (M.) unmittelbar nach ihrem Remisschluss mit Schiedsrichter Matthias Dämmig. | Foto: Conrad Schormann
Dass der Deutsche Meister U14 Hussain Besou Wolfsburg voraussichtlich ohne Norm verlassen wird, dafür hat Polzin in der fünften Runde mit einem klaren Sieg gesorgt. Die einseitige Partie ergab sich, nachdem der mit einer Doppelnull gestartete, aber zuletzt mit 1,5/2 zu Buche stehende Besou die Partie in einem für ihn ungesunden Maße verschärfte. Nachdem der 13-Jährige in der Eröffnung seinen König ins offene Feld lang rochiert hatte, lief die Partie nur noch in eine Richtung.
Der von Polzin gelobte Robert Ris hat sich auf überzeugende Weise in eine Position gebracht, von der aus der Turniersieg möglich ist. Ris erarbeitete sich per Bauernopfer einigen Druck und einen Vorpostenspringer auf e5 gegen Mykola Korchynskyi. Bald folgte ein Durchbruch am Königsflügel, und nach 28 Zügen war es schon vorbei.
Sarah Papp muss über IM-Normen nicht nachdenken. Den zweithöchsten Titel im Schach hat sie schon. Jetzt hat sie den zweiten vollen Punkt in Folge nach der zweiten überzeugenden strategischen Leistung eingeheimst. Ein taktischer Aussetzer von Nikita Nechitaylo in schwieriger Lage beschleunigte die Angelegenheit.

Zufrieden ist Anthony Petkidis noch nicht, aber immerhin im Turnier angekommen. | Foto: Conrad Schormann
IM Anthony Petkidis hatte zumindest zu Beginn des Wettbewerbs Anlass, über eine GM-Norm nachzudenken. Zu Ostern beim Grenke-Open in Karlsruhe war er schon ganz nahe dran. Aber in Wolfsburg lief es bislang bescheiden für Petkidis. In der fünften Runde gelang ihm gegen GM Andrey Sumets, sein nominell bester Gegner bislang, der erste Sieg. Zufrieden ist Petkidis deswegen noch lange nicht, “aber jetzt geht es wieder so halbwegs”.

Mit dem Springer auf f6 zu nehmen, ist der strukturellen Integrität wegen natürlich in Ordnung. Mit dem Bauern zu nehmen, wie es Agrest tat, ist etwa gleichwertig.
Am unteren Ende der Tabelle hat Inna Agrest die rote Laterne nicht abgegeben, aber nach einem sicheren Schwarzremis gegen Dennes Abel teilt sie sich das Tabellenende mit Nechitaylo. Abel ist es mit dieser Punkteteilung nach drei Nullen in Folge gelungen, „die Blutung zu stoppen“, wie IM Lukas Winterberg in seiner Zusammenfassung des Tages konstatierte.









