Niedersächsischer
Schachverband
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DSB-Bundeskongress: Zusammenhalt trotz Vakuum möglich?
Dienstag, 25. August 2020 von Benjamin Löhnhardt

Wüsste ich es nicht besser, müsste man meinen, der DSB wird von lauter klugen Wissenschaftlern geleitet. – Wieso?
Ja, wieso sonst sitzen rd. 70 Delegierte aus ganz Deutschland in Magdeburg und tagen im Otto-von-Guericke-Saal des Hotels Maritim.
Für alle, die in der Schule statt in Physik aufzupassen, lieber Schachprobleme gelöst haben: Otto-von-Guericke war der Wissenschaftler, der bewiesen hat, dass man zwei Halbkugeln ganz fest zusammenhalten kann, wenn man die Luft heraussaugt. Das war doch bestimmt ein versteckter Hinweis an die Delegierten.

Der Otto-von Guericke-Saal: ideale, coronagerechte Rahmenbedingungen für einen historisch entscheidenen DSB-Kongress (Quelle: Max Wall)

Damals bei dem Experiment haben selbst Pferde die Halbkugeln nicht auseinanderziehen können. Argumente sind aber wohl stärker als Pferde, denn am Samstagabend lagen dann doch zwei Hälften vor uns. Wobei, Hälfte sollte man jetzt nicht mit mathematisch genau 50 % gleichsetzen. Es gibt ja auch verschiedene weitere Kriterien, z.B. die Finanzen oder die Kreativität und Flexibilität, die bei der Bewertung der Größe der einzelnen Teile herangezogen werden könnten.
Die Ausgründung der DSJ als eigenständiger e.V. (dazu berichten unsere NSJ-Vertreter, die auch auf der Gründungsversammlung dabei waren auf Twitter @nsj-online ausführlich) war der Haupttagesordnungspunkt dieses außerordentlichen DSB-Kongresses, aber es gab auch noch eine ganze Reihe anderer Tagesordnungspunkte. So musste die Versammlung am Samstag gegen 18:30 Uhr für die Siegerehrung des Meisterschaftsgipfels unterbrochen werden, um sie dann am Sonntagmorgen fortzusetzen.

Glückwunsch an dieser Stelle an Sebastian Müer, (Union Oldenburg) zum 3. Platz in der Deutschen Pokalmeisterschaft, sowie an die in Göttingen groß gewordene, immer noch für Lehrte als Gastspielerin in der Frauenbundeliga spielende FM Fiona Sieber (Aufbau Elbe Magdeburg) zum Sieg bei den German Masters der Frauen.
Wie engagiert und hart verhandelt wurde, zeigte sich gleich zu Beginn der Sitzung, als alleine die Aufstellung der endgültigen Tagesordnung eine halbe Stunde dauerte. An dieser Stelle Hut ab vor der Leistung von Anja Gering, die als Protokollführerin konzentriert nicht nur die einzelnen Redebeiträge dokumentierte, sondern auch noch vor den Abstimmungen die Änderungen der Anträge bis zum letzten Komma diktiert bekam.
Die Kongressbroschüre, mit 270 Seiten schon eine der Umfangreicheren, war diesmal nur fristgerecht im Netz veröffentlicht. Im Hinblick auf die ökologische Nachhaltigkeit hoffentlich ein Modell für die Zukunft.
Da die meisten Referenten ihre Berichte in der Broschüre veröffentlicht hatten, wurden nur kurze, aktuelle Ergänzungen gegeben und auch die Aussprache dazu war kurz und sachlich.
Die acht Seiten Kassenprüfbericht wurden dann schon länger diskutiert. Wobei beide Kassenprüfer auch bemerkten, dass ihre Anregungen aus dem letzten Jahr weitestgehend umgesetzt waren. Ausdrücklich gelobt wurde sogar der DSJ-Vorsitzende Malte Ibs, der eine wesentliche Verbesserung der Barkassenführung während der letztjährigen DJEM selbst in die Hand genommen hatte. Damit die beiden Prüfer nicht zu freundlich rüber kamen, kritisierten Sie nur noch die an sie herangetragene Bitte, eine Textpassage etwas abzuändern. Die Entlastung des Vizepräsidenten Finanzen wurde einstimmig beschlossen.
Echt lieb- und schmucklos wurden im nächsten Tagesordnungspunkt einige Ehrungen ausgesprochen. Die zu Ehrenden wurden mit Namen und Funktion aufgerufen, bekamen Nadel, Urkunde und ein kleines Präsent vom Vizepräsidenten Verbandsentwicklung überreicht. Nach einem Foto wurden sie wieder an ihren Platz zurückgeschickt. Laudatio? – Fehlanzeige. Das bekommt sogar der Schützenverein in meinem kleinen Heimatdorf besser hin. Bei der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Jürgen Kohlstädt, zentraler Leiter der Bundesliga, gab es langanhaltenden stehenden Applaus der Delegierten. Laudatio? Wieder Fehlanzeige. Dass diese während der Siegerehrung des Meisterschaftsgipfels in einen noch würdigeren Rahmen erfolgen solle, erkannte ich erst am Abend.

Der gesamte Nachmittag war dann eingenommen von den Anträgen der DSJ auf Ausgründung. Lob, Anerkennung und Respekt vor der Leistung der Verhandlungsführer der DSJ, Jacob Roggon und Rainer Niermann kann gar nicht oft genug erwähnt werden. Alle weiteren Ausführungen zu dem Thema überlasse ich unseren Jugendvertretern.
Apropos Jugend: Verständlicherweise hatten viele Landesverbände Jugendfunktionäre mitgebracht. Deren Redebeiträge waren erfreulich frisch, Details präzise herausarbeitend und hoffentlich auch den einen oder anderen „Großen“ zum Nachdenken anregend.
Am Sonntagmorgen hatten sich die Reihen der Delegierten schon etwas gelichtet. Und auch viele der noch Anwesenden wollten die letzten Punkte wohl nur noch schnell abarbeiten. Während Samstag selbst kontroverse Standpunkte engagiert aber sachlich ausgetauscht wurden, erfolgte jetzt ein unbegründeter Geschäftsordnungs-„Antrag auf Nichtbefassung“ mit den gleichlautenden Anträgen der Landesverbände Baden und Niedersachsen auf Anwahl des Vizepräsidenten Verbandsentwicklung. Dieser wird mit knapper Mehrheit angenommen. Als Niedersachse bin ich in dieser Sache natürlich nicht objektiv, und auch inhaltlich muss sicherlich nicht Jeder meiner/unserer Meinung sein. Dass ein ordnungsgemäß eingereichter Antrag aber einfach so „vom Tisch gefegt“ wird, nagt schon an meinem Demokratieverständnis.

Ins Gesamtbild passt dann auch, dass der niedersächsische Antrag auf Bildung eines Ausschusses zur Untersuchung der Veränderungen von Anträgen in der Kongressbroschüre mehrheitlich abgelehnt wurde.
Und selbst das Verbandsprogramm darf nun durch das Präsidium selbstständig verändert werden.

Wenigstens der letzte Antrag, von Baden eingebracht, von Württemberg und Niedersachsen unterstützt, auf Einführung von reduzierten Beiträgen für Passivmitglieder ging durch. D.h. das Präsidium wurde beauftragt, eine entsprechende Beitragsordnung zu entwerfen und dem nächsten Kongress zur Abstimmung vorzulegen.

Fazit: Die nächsten Kongresse werden bestimmt deutlich kürzer sein, weil
a) die Jugend ja kein Thema mehr ist!?
b) ein Muster für zeitoptimierte Ehrungen erprobt wurde und
c) die Delegierten sowieso ja nur noch alles „abnicken“ brauchen, was das Präsidium mit seinen neu erteilten Kompetenzen schon entschieden hat.

Fazit II) Ich bin froh, in einem liberal denkenden Verband verortet zu sein, in dem sich die Jugend auf gleicher Augenhöhe mit den Senioren, den Frauen und allen weiteren Interessengruppen für die gemeinsame Weiterentwicklung unseres Schachsports einbringen kann. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich diese sachbezogene Arbeitsweise auch auf Bundesebene irgendwann mal wieder entwickeln wird.

Jörg Tenninger, Stellv. Präsident

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